Ein kleiner Gastbeitrag
von Indra
Mittags um drei in Freiburg. Eine junge Frau quatscht mich an, bittet mich, zu spenden – und ich lasse mich darauf ein, kann sie nicht abwimmeln. Auch gegen „Kann ich den Zettel vielleicht mitnehmen?“, hat sie ein Argument, dass die Zettel nämlich zu häufig weggeschmissen würden und das zu teuer wäre.
Ich saß in der Patsche und konnte nicht reagieren, sah schon 6 € (die erste Spendenrate) dahinfließen. Doch dann ging es an die Aufnahme der Daten. Brav sagte ich Vor- und Nachnamen, dann kam das Geburtsdatum dran… „94? Dann bist du ja noch gar nicht volljährig“, entfuhr es ihr geradezu. „Ich hätte dich jetzt auf neunzehn geschätzt.“ Ich bedaure, lächle freundlich und spüre einen kleinen Münzberg von meinem Herzen fallen.
Ich laufe weiter und mir kommen Fragen in den Kopf. Neunzehn? Gibt es (noch mehr) Leute, die mich so alt schätzen? Vier Jahre sind – zumindest noch – keine Kleinigkeit. Und wenn es so wäre, müsste ich es unter „Segen“ oder unter „Fluch“ einordnen?
Ich denke, es ist ein Segen, wenn man ernstgenommen werden will, weil das Gegenüber einen unterbewusst ernster nimmt und das gar nicht unbedingt steuern kann. Gleichzeitig gerät man so aber auch auf die Verantwortungsschiene, manchmal erfährt man sogar Dinge, die man sonst nicht an die große Glocke hängt.
Ein Kind wäre zu wechselhaft, vielleicht auch zu unvertrauenswürdig, um ihm bestimmte Dinge zu erzählen. Vielleicht hätte man auch das Gefühl, dass das Kind einfach noch so wunderbar unbelastet ist, dass es sich erst langsam und in der Theorie an die Widrigkeiten des Lebens heranwagen soll, dass es nicht gleich überschüttet werden soll.
Ich weiß, dass mich das, was ich schreibe und wie ich es schreibe, oft älter, vernünftiger wirken lässt. Und ich spiele damit. Je nach Anlass wechsle ich meine Sprache, um andere Leute zu beeinflussen.
Belüge ich die anderen, wenn ich durch meine Art älter wirke? Oder würde ich sie eher belügen, wenn ich nicht zeigte, was in mir steckt, wie erwachsen ich in Wahrheit bin?
Viele Leute haben ein Problem mit dem Alter „Schau mal, da drüben, den kenn ich, der ist schon zwanzig und seine Freundin ist erst fünfzehn!“ Stirnen und Münder werden verzogen, uneindeutige Blicke folgen, enthalten sie „nur“ Empörung oder auch so etwas wie Abscheu?
Das, was die beiden Beglotzten trennt, ist ihr biologisches Alter. Aber wenn sie trotzdem etwas miteinander verbindet, sie sich verstehen, beim Anderen wohlfühlen – was ist dann das Problem? Die jüngere Person ist abhängig von der anderen? So etwas kann immer passieren, egal welchen Altersunterschied es gibt.
Ist das biologische Alter nicht eigentlich relativ unwichtig? Oder ist es bei vielen Leuten deshalb wichtig, weil ihr geistiges Alter gleichzeitig dem biologischen Alter entspricht?
Ich persönlich kann kein „normales“ Alter schätzen. Deshalb ist mir das – ähnlich wie Geburtstage – ziemlich egal.
Es ist halt bei Dingen wie Pass oder Alkohol nicht egal. Biologisch gesehen wird man pro Jahr genau ein Jahr älter. Geistig tritt man vielleicht auf der Stelle oder macht einen Sprung von drei Jahren.
Manche lassen vielleicht auch einen Teil aus und springen von „flatterhafter, nicht-an-morgen-denkender Typ“ zu „Altersstarsinn“.
Man sieht von außen nicht, wie ein Mensch wirklich tickt. Aber ihn kennenzulernen, um ihn einschätzen zu können, dauert. Also verlässt man sich lieber auf die starren Zahlen und tut vielen Leuten unrecht.
Ich habe gelernt, dass auch ich, obwohl ich es gar nicht will, von der Gemeinschaftseinstellung „Das biologische Alter zählt!“, beeinflusst werde, indem ich mich mal einfüge, mal auflehne.
Und ich weiß, dass man durch ein bisschen geistiges Alter mehr oder weniger ein Stückchen weit das biologische Alter egalisieren kann.